From the Blogdrüben

Gedanken über Sucht und Computerspiele, damals und heute…

Istanbul, 7:54, Tag 340

Heute Nacht wieder mal wilde Träume von einer Verlobung oder Hochzeit in einem Theatersaal. In einem engen, hellen Raum findet eine Party statt, mir werden Alkohol und Drogen angeboten. Ganz selbstverständlich irgendwie, alle sind high, ich sehe die Details, entscheide mich dafür und dann, als ich das Glas in der Hand halte, wieder dagegen. Das ist es nicht wert. Genau in dem Moment sehe ich die nicht vorhandenen Seelen, die leeren, hektisch blickenden Augen, die um mich herum sind und bin froh.

Später laufen wir gemeinsam zu einer anderen Feier, es ist dunkel. Wir kommen in eine Art Theatersaal, suchen uns Sitzplätze, die Verlobung eines Freundes. Die üblichen: wer sitzt neben wem und wer kann wen leiden Gefühle. Neben mir setzt sich eine Freundin von früher. Sie lässt sich nicht beirren, wirkt starr und entschlossen. Sie ist Aussenseiter. Sie kennt nur mich, schaut ganz angestrengt nach vorne, macht sich ganz schmal. Sie ist hier wegen mir. Ich habe keine Zeit, keine Aufmerksamkeit und schon lange ein völlig anderes Leben… ich wache auf.

Ich bin wirklich ein zur Sucht neigender Mensch. Ein Artikel aus dem Tagespiegel vor 8 Jahren, an dem Tag an dem ich 33 geworden bin fällt mir bei diesem Gedanken immer sofort ein. Damals habe ich den Artikel ausgerissen und zu meiner Artikelsammlung gelegt. Wenig später habe ich den Artikel in meinen ersten Blog übernommen, der nur aus meinen gesammelten Artikeln bestand. Aber ich schweife ab, will mich wohl drücken um das Thema, von dem ich auch heute Nacht wieder geträumt habe.

Also zurück! Gestern lief mir beim Aufräumen meiner Dropbox ein Bild über den Weg, welches mich an den Zusammenhang zwischen Computerspielen und Sucht erinnerte.

Als ich es im Frühjahr 2008 geschafft habe, mit dem Rauchen von Zigaretten aufzuhören und, um das zu schaffen, auch gleichzeitig auf Alkohol verzichtete, ersetzte ich meine bisherige Neigung eine Zeit lang auch durch Computerspiele.

Need for Speed auf der Playstation, Farmville bei Facebook und später das passive Mousehunt, das waren meine Spiele in 2008 und 2009. Aus MouseHunt stammt auch das obige Bild der Pie Thief Mouse, die es dort mittels Spezialkäse zu fangen galt.

Na, vielleicht gibt es da auch keinen Zusammenhang, denn ich habe eigentlich immer schon gerne am Computer gespielt, aber vielleicht auch doch. Ich sehe zumindest heute, dass bei mir ähnliche Mechanismen greifen. Und ich auch in Situationen von Stress oder auch Langeweile, gerne wieder Spielen verfalle, statt zu Lesen oder einen Spaziergang zu machen.

Bei mir ging es Ende der 80iger am Schneider PC1640 der LPG meines Vaters los. AlleyCat war mein allererstes Computerspiel, an das ich mich erinnern kann.

Dabei haben mich immer schon lieber Spiele, wie AlleyCat und auch Blockout viel mehr interessiert, als Adventures wie Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards. Aber alle drei habe ich viel und gerne gespielt.

Der Trick bei Blockout war übrigens, dass man gleich in einem höheren Level einstieg, so bei 5 oder auch gerne 7 und dann ganz lange, extrem viel mehr Punkte sammeln konnte, wenn man sich von -dem doch sehr langsamen- Level 0 an hochgearbeitet hat.

Kennt die Spiele noch jemand?

Später Anfang der 90iger haben mich übrigens Zigaretten überhaupt nicht interessiert und Alkohol war ein reines Gesellschaftsgetränk. Ich erinnere mich an meinen damaligen Mitbewohner, der alleine an seiner Sega Console sitzend, Zigaretten rauchte und Bier trinkend, während ich ohne das in meinem Zimmer am PC sass und ich Nächte auf meinem 386sx mit Civ I verspielte.

Zurück zum Jetzt!

In den letzten Tagen haben mich drei iPhone/iPad Spiele beschäftigt: CSR Racing, Pitfall und Puzzle Craft. Alle drei Spiele einer neuen Generation, die erst mal nichts kosten, aber in deren Spielverlauf man mehr oder minder geschickt dazu gebracht werden soll, nervige Klickorgien, langsamen Fortschritt, oder die fehlende Möglichkeit den Spielstand zu speichern, durch den Kauf von Upgrades oder Hilfen mittels echtem Geld. Das fing für mich mit Farmville an und aktuell ist nahezu jedes Comupterspiel so angelegt.

Am dreistesten trifft das auf CSR Racing zu, die unter Einsatz aller Mittel versuchen, einen dazu zu bewegen, echtes Geld im Spielverlauf auszugeben. Dabei wird sogar die Spielbarkeit des Spieles komplett eingeschränkt: der Tank des Wagens im Spiel ist nach ca. 10 Rennen leer und man kann entweder bis zum nächsten Tag warten oder ihn mit ein paar echten Cent wieder auffüllen, um überhaupt weiter spielen zu können.

Dazu kommt, dass CRS Racing eine sehr enge Facebook Integration besitzt, man Punkte/Spielgeld bekommt, wenn man seine Freunde einlädt. Das Spiel blendet immer wieder, an allen möglichen Stellen, nervige Hinweise dazu ein. Abschalten kann man das nicht.

Pitfall, eine Art Jump&Run Spiel, bei dem man den Spieler nicht anhalten kann ist die Neuauflage eines Atari Klassikers, den ich damals mangels Atari nicht gespielt habe.

Hier kann man keinen Spielstand speichern, ohne relativ viel Spielgeld einzusetzen zu müssen. Das Verhältnis von Kosten und Speichermöglichkeit ist so eingestellt, dass man sehr schnell ein paar Cent ausgeben möchte, um im Spiel überhaupt weiter zu kommen. Tut man das nicht, fängt man wirklich jedes Mal wieder ganz von vorne an, wenn Held Harry irgendwo gegen gerannt ist.

Auch Puzzle Craft, ein wirklich ganz nett gemachtes Mischung aus Puzzle, Farmville und Strategie, ist so eingestellt, dass man wirklich überall animiert wird, sogenannte In App Kauf zu tätigen und sich das Spieleleben zu erleichtern oder zu beschleunigen.

Die Faszination solcher Spiele liegt einmal im Unterhaltungswert für mich. Die Nebenwirkungen sind eine gewisse Dumpfheit im Kopf, ein schnelles Ermüden durch die hohe Aufmerksamkeit, die die meisten dieser Spiele erfordern.

Soweit so gut, aber das psychologisch hochgeschickte Manipulieren hin zu In App Käufen nervt mich sehr schnell, vor allem CSR Racing geht mir dabei zu weit, überschreitet eine Grenze zur Unfairness.

In Beirut in diesem Sommer habe ich ein paar Tage lang Shisha, Wasserpfeife, geraucht, wie aufmerksame Leser dieses Blogs bereits wissen. Was mir seit dem auffällt, ist wohl die Aktivierung meines Suchtgedächtnisses. Immer wieder fällt mir ein, dass ich doch wieder mal eine “harmlose” Wasserpfeife rauchen könne, sind ja keine Zigaretten, etc. blabla. Zeitgleich springe ich verstärkt auf solche Computerspiele an.

Na gut, das Wochenende geht langsam los, danke fürs Zuhören! Diese Gedanken, diese Zusammhänge gehen für mich viel tiefer, als ich es hier gerade ausdrücken und somit nur andeuten kann…

Wünsche Euch einen sonnigen Start in Euer Wochenende!

Comments

  1. Hab dazu gerade das Streitgespräch des Hirnforschers Manfred Spitzer und des Medienpsychologen Peter Vorderer in der ZEIT gelesen. Spannend! http://bvnw.de/wp-content/uploads/2011/02/WISSEN-%E2%80%93-Macht-uns-der-Computer-dumm.pdf
    Schönes Wochenende allen – in Kreuzberg sieht’s ja noch etwas trüb aus …..

    • Spitzer habe ich bei Jauch kurz gesehen und relativ viel im Netz über ihn gelesen. Für mich ist er ein starker Polemiker, der vor keinem noch so weit hergeholten geschmacklosem Vergleich zurück schreckt, ein Technologiephobiker! Mir macht so einer eher Angst. Ich befürchte von ihnen, “für die Sache” meine Freiheit sofort und massiv einzuschränken…

      Jetzt nach dem Lesen des Artikel, empfinde ich fast Ekel vor so viel Sturheit, Blindheit und übersteigerter Egozentrik!!!

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